Interview mit Dr. Jayanth, Leiter des Spaltzentrums Coorg

Seit fast zwei Jahren operiert der Chirurg Dr. Jayanth Spaltkinder in der südindischen Kleinstadt Coorg, inmitten Kaffeeplantagen und Regenwald.
Was für Familien kommen mit ihren Spaltkindern hier ins Zentrum nach Coorg? Die Familien, die zu uns kommen sind sehr arm. Sie arbeiten zum Beispiel als Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen oder sie verkaufen Milch oder Gemüse auf den Märkten oder transportieren für ein paar Rupien alle möglichen Dinge. Nur etwa zehn Prozent der Familien haben irgend eine Art von Bildung erhalten. Die meisten können nicht lesen und schreiben. Oft können die Eltern ihre Kinder auch gar nicht selbst zur Operation bringen, denn auch wenn wir ihnen die Fahrt und den Aufenthalt im Zentrum kostenlos ermöglichen, würden sie als Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen oder als Gemüseverkäufer ihren ganzen Tageslohn verlieren. Für die Kinder ist es natürlich schlimm, ohne ihre Eltern ins Krankenhaus zu müssen.
Wie sieht es mit der Schulbildung der Spaltkinder aus?Viele Spaltkinder gehen nicht zur Schule. Weil sie schwer sprechen können und nicht normal aussehen, werden sie gehänselt. Viele Eltern trauen sich deswegen nicht, ihr Kind in die Schule zu schicken und wenn sie es doch tun, schicken die Lehrer sie zum Teil wieder nach Hause. Sie sagen, sie wollen nur normale Kinder unterrichten. Die Spaltkinder müssen als Haushaltshilfen oder bei der Feldarbeit von Klein auf mithelfen und zum Einkommen der Familie beitragen. Diese Kinder haben von vornherein keine richtige Chance im Leben. Wir ermöglichen ihnen mit der kostenlosen Behandlung der Spaltfehlbildung einen neuen Start.
Gibt es denn keine Krankenversicherung, die die Operation übernimmt?

Die arme Landbevölkerung ist eigentlich fast nie krankenversichert. Aber eine Krankenversicherung würde die Operation einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auch nicht abdecken. Es nicht nachvollziehbar, aber die Argumentation ist, dass das Kind schon mit dieser Fehlbildung auf die Welt kommt und nicht Zeit seines Lebens erkrankt. Ich bin immer wieder bestürzt, dass es so viele Spaltkinder in Indien gibt, die keine Operation bekommen können.
Was ist Ihre persönliche Motivation Spaltkindern zu helfen?Ich möchte den Kindern, vor allem den armen Kindern, die sonst keine Chance auf eine Operation hätten, die bestmöglichste Versorgung geben. Ich habe oft sehr lange Arbeitstage. Aber wenn am Abend noch eine Familie mit ihrem Spaltbaby kommt, dann kann ich nicht einfach nach Hause gehen. Die Patienten haben fast immer eine halbe Tagesreise hinter sich – da kann ich niemanden wieder nach Hause schicken. Manchmal ist es schwer für mich, zu Hause wartet mein 2-jähriger Sohn. Er kann noch nicht verstehen, dass ich manchmal einfach hier in der Klinik gebraucht werde.
Mein Ziel ist es, jedem einzelnen Spaltkind die Integration in die Gesellschaft wieder zu ermöglichen. Deswegen behandeln wir die Kinder hier in Coorg umfassend und begleiten sie so gut es geht bis in die Pubertät.
Wie sieht so eine Behandlung aus?Am besten ist es, wenn die Mütter schon kurz nach der Geburt mit ihrem Spaltbaby zu uns kommen. Damit wir die Eltern über unsere Hilfe informieren können, arbeiten wir eng mit einer Gynäkologin und mit den örtlichen Hebammen zusammen. Wenn ein Spaltkind zur Welt kommt, werden wir sofort informiert und tun unser Bestes, dass die Familie zu uns ins Zentrum kommt.
Wir versuchen den Eltern die Angst zu nehmen und zeigen ihnen Fotos von anderen operierten Kindern, damit sie verstehen, dass wir ihrem Baby helfen können. Oft sind die Babys, wenn sie zu uns kommen schon sehr dehydriert und in einem kritischen Zustand, weil sie nicht richtig an der Mutterbrust trinken können.

Wir setzen bei den Babys eine kleine Platte ein, die den Gaumen verschließt und die Lippenspalte zusammenführt. Damit kann natürlich die Spalte nicht geschlossen werden, aber wir erzielen viel bessere Ergebnisse bei der späteren Operation der Lippe. In dieser ersten Operationen werden Lippe und Kiefer verschlossen – oft schon im Alter von drei Monaten, danach der Gaumen mit ca. zwölf bis fünfzehn Monaten. Wir achten darauf, dass der Gaumen verschlossen ist, bevor das Kind anfängt zu sprechen, damit die Sprachentwicklung nicht behindert wird.
Wenn notwendig, bekommen die Kinder auch Sprachtherapie. Stellt der Sprachtherapeut fest, dass das Kind nasal spricht, machen wir auf Anraten eine weitere Operation, um die Sprachfähigkeit zu verbessern.
Im Alter von 8-10 Jahren führen wir das sogenannte Bone-Grafting durch: Denn auch nach erfolgreicher Erst-Kieferoperation bleibt der Kieferknochen mitunter so weit gespalten, dass der Kieferspalt in späteren Jahren über eine Knochenentnahme (in der Regel aus der Hüfte) verschlossen werden muss.

Danach bekommen die Kinder, wenn notwendig, eine 1 ½ bis 2 ½ Jahre dauernde kieferorthopädische Behandlung, um die Zahnstellungen zu korrigieren. Meist ist diese Behandlung mit ca. 13 Jahren abgeschlossen. Zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr ist aber in vielen Fällen noch eine Kiefer- und Nasenkorrektur notwendig.
Um so eine umfassende Behandlung durchzuführen ist sicherlich eine lange Ausbildung notwendig?Ich habe eine zehnjährige Ausbildung hinter mir. Wie alle Chirurgen, die bei Prof. Krishna Shama Rao gelernt haben und Teil der Maaya Foundation sind, bin ich ausgebildeter Mund-Kiefer-Gesichtschirug. Bevor ich nach Coorg kam, habe ich mit Prof. Rao Kinder im Spaltzentrum in Mangalore operiert.
Für eine umfassende Behandlung ist natürlich auch ein gutes interdisziplinäres Team sehr wichtig. Unser Spalt-Team hier besteht aus 6 Personen: mit mir arbeiten eine chirurgische Assistentin, eine Anästhesistin, ein Kieferorthopäde und Krankenschwestern.
Was unterscheidet das Spaltzentrum Coorg von anderen Spaltzentren der Maaya Foundation?Alle unsere Zentren arbeiten mit dem gleichen hohen Anspruch, Spaltkinder bestmöglich und umfassend zu behandeln. Alle Zentren haben mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen.
In Kaschmir zum Beispiel kann Dr. Mohammad Shakeel zeitweise im Spaltzentrum Srinagar wegen der allgemeinen Sicherheitslage nicht operieren. Besonders schwierig ist dort auch die Lage der Mädchen und Frauen. Es ist eine muslimisch geprägte Gegend in der viele Frauen verschleiert sind. Es ist nicht einfach die Spaltmädchen überhaupt zu finden.
Bei uns in Coorg ist es vor allem während der Monsunzeit problematisch. Die Straßen sind so schlecht. Es gibt viele Schlaglöcher und manche Abschnitte sind gar nicht ausgebaut. Wenn es heftig regnet, können viele Patienten gar nicht zum Operationszentrum kommen. Eigentlich sollte die Straße schon vor Jahren gebaut werden, aber wegen der Korruption ist es nicht dazu kommen. Keiner weiß, ob wir jemals endlich eine ordentliche Straße bekommen werden.
Problematisch ist auch die Wasserversorgung. In Coorg herrscht zu bestimmten Zeiten des Jahres Wasserknappheit. Damit die Versorgung der Klinik das ganze Jahr sichergestellt ist, haben wir ein natürliches Wasserreservoir angelegt. Die Stromversorgung ist wie in ganz Indien ein weiteres Problem: Immer wieder gibt es Stromausfälle, so dass wir die Stromversorgung mit unserem eigenen Generator sicherstellen.
Leider gibt es hier in der Gegend kein größeres Krankenhaus mit einer Intensivstation. Die nächste Intensivstation ist mehrere Stunden mit dem Auto entfernt. Im Notfall wären wir nicht schnell genug. Deswegen müssen wir kompliziertere Fälle in andere Spaltzentren überweisen. Das ist für viele Familien schwierig, weil sie dann eine noch längere Reise in Kauf nehmen müssen.
Was wird im Zentrum in Coorg am dringendsten benötigt? Wir müssen dringend eine Intensivstation einrichten, damit wir allen Spaltkindern hier in der Gegend, auch in komplizierten Fällen, eine Operation ermöglichen können. Auch müssen wir unser Labor betreffend Blutuntersuchungen ausbauen.
Aber dazu fehlen und noch finanzielle Mittel. Wir hoffen auf die Herzen der Menschen in Deutschland und auch in Indien, Spaltkindern die notwendigen Operationen zu ermöglichen.
Vielen Dank.
11.11.2011